Neu_denken! Seit dem Frühjahr 2001 bearbeitet das GREMIUM ARCHITEKTUR des Kulturkreises das Thema "Stadt-Wohnen-Arbeiten: Lebenswelten der Zukunft". Daraus hervorgegangen ist das Projekt vision-stadt21.de, das die Arbeit der nächsten Jahre bestimmen wird:
_ _ _ Stadt _ _ Wohnen _ _ Arbeiten _ _ _Lebenswelten der Zukunft
Fragestellungen
Was wird aus der europäischen Stadt, was wird aus unseren Städten, deren Wachstum zum Stillstand gekommen ist am Ende einer industriellen Epoche, aus deren Zentren die Wirtschaftskraft entschwindet, das Gewebe der Wohngebiete aufreißt und der gesellschaftliche Konsens der Kulturen und Lebensformen brüchig wird?
Ist die europäische Stadt am Ende? Und was wäre dann das Gegenbild? Oder lässt sich eher erkennen, daß gesellschaftliche Umwälzungen der Informationsgesellschaft und die großräumigen Migrationbewegungen, die vergleichbar sind mit dem Aufbruch in das Industriezeitalter am Ende des 19. Jahrhunderts, den Umbau unserer Stadtstrukturen erfordern?
Stadt neu zu denken, Gestaltungsprobleme zu erkennen, wenigstens zu verstehen
und die Entwicklung von Antworten auf drängende Fragen, auf demographische
Veränderungen, gesellschaftspolitische Verwerfungen und Integrationen von
Kulturen und Lebensformen zu versuchen, könnten die ersten Ansätze
zum tiefgreifenden Handeln sein.
Das klassische Instrumentarium des Städtebaus, der große Plan versagt,
Flächennutzungen sind nicht mehr planbar in Zeiten, da Nutzungen und Strukturen
sich grundlegend verändern und zum Teil völlig verschwinden.
Analyse
Die Industrie flexibilisiert sich zur Just-in-time-Produktion mit intensiven Verkehrsbeziehungen: Was heißt heute Industriearbeit in der "Fabrik"?
Die Dienstleistung verlässt zum Teil das Büro und verschränkt sich mit Wohnen: Was heißt heute Dienstleistungsarbeit im "Büro"?
Die Information ist Grundlage aller Wissensbeziehungen und kommt aus vielen Kanälen: Was heißt heute Informationsarbeit im "Netz"?
Im Handel verschränken sich Konsum, Erlebnis und Kultur: Was heißt heute Konsumarbeit im "Kaufhaus"?
Das Informelle dominiert die wachsenden Märkte der Schattenwirtschaft: Was heißt heute informelle Arbeit in "Schatten-Märkten"?
Die "informalisierten" Beziehungen zwischen den analytisch getrennten Formen des Wirtschaftens transformieren auch zunehmend die festen städtebaulichen Typologien (die Fabrik, das Büro, das Kaufhaus, den Markt etc.): Wie reagieren Architektur und Städtebau auf die aktuellen "informalisiert informierten" Formen des Arbeitens? Was heißt heute Arbeiten in der Stadt des 21. Jahrhunderts? Durch die gesellschaftlichen Umstrukturierungen und durch die Veränderungen der Arbeitswelten entstehen neue Wohnformen. Wie reagiert die Architektur darauf? Welche neue städtebauliche Typologie entsteht?
Die Bedeutung von Regionen im globalisierten Wirtschaftsgeschehen wird größer - regionale wie auch lokale Wirkungen sind die unmittelbare Folge. Die Fragestellungen, die sich im Rahmen des zukünftigen Programms an Architektur und Städtebau richten, sollen auf beispielhafte regionale Räume mit besonderen Wirtschaftsschwerpunkten bezogen werden. Eine Kernfrage wird sein, ob trotz, oder gerade wegen der zunehmenden Globalisierung, Virtualisierung und Auflösung von Räumen - neue räumliche Ausformungen und Lebenswelten entstehen und ob sich neue Raumbilder auf den regionalen und lokalen Ebenen entwickeln?
Die Arbeit verändert sich, und mit ihr ändern sich Städte und Regionen. Auch wenn es solche Phasen von tiefgreifenden Veränderungen immer (wieder) gab, so sind die Prozesse dynamischer, komplexer und globaler geworden. Die strukturellen Brüche bedingen sich, hängen voneinander ab, verstärken sich. Aber, auch dieses gilt: Stadt wird wieder gemacht, neue Formen von Arbeit entstehen, bedingen Stadt und städtische Strukturen, verändern Lebenswelten und entwickeln neue.
In Kompensation zur laufenden Globalisierung wächst die Funktion und Bedeutung regionaler und lokaler Baukulturen und Traditionen bis hin zur Wiederentdeckung baukulturellen Erbes und der Suche nach dem "Bild der Stadt" (K. Lynch) oder dem Geist des Ortes. Gerade hier sehen wir auch eine außerordentliche Gestaltungsaufgabe für die Planer und Architekten: identitätsstiftende Architekturen oder auch "Produktion menschlicher Heimat".
Aufgaben
Der Kulturkreis wird sich in den nächsten Jahre mit konkret fassbaren Architekturaufgaben auseinandersetzen, mit Aufgaben, die als räumlich begrenzte Bauaufgaben eher als Katalysator städtischer Entwicklungen betrachtet werden können denn als große städtebauliche Projekte. Studierende von Universitäten, Fach- und Kunsthochschulen werden eingeladen, um exemplarische Lösungen und neue Wege für diese Aufgaben zu erarbeiten. Lösungen mit hoher gestalterischer Qualität sollen als gesamträumliche Gebilde sichtbar werden. Wie sagte der Designer und Gestalter Otl Aicher: "Architektur kann man heute nicht planen, man kann sie nur entwickeln."
Wir werden architektonische und städtebauliche Entwicklungs- tendenzen von
Formen des Arbeitens, Wirtschaftens und Wohnens im 21. Jahrhundert am Beispiel
ausgewählter Planungsaufgaben untersuchen.