Die Volkmarsdorfer Berge
Stefanie OEFT-GEFFARTH
"Erster Preis"
Hochschule für Kunst und Design, HALLE, Burg Giebichenstein
Fachbereich Kunst und Medien
schichtungen – geschichtet – geschichte
Ich habe mir Stadt und Landschaft im Querschnitt vorgestellt. Dabei kamen mir
Bilder von Schichtungen in den Sinn, und ich hatte die Idee, Sichtbares, Obenauf-Sitzendes
ebenfalls als Schicht zu begreifen. Mir wurde klar, daß ich dieses Projekt
ebenso unter historischen Aspekten betrachten muß wie unter gegenwärtigen
oder zukunftsweisenden. Eine erste Assoziation war die antike Stadt Troia, eine
Stadt, die vielleicht 9 verschiedene Phasen durchgemacht hat – Schichten
gebildet hat.
Beim Sammeln für das Projekt bin ich auf unterschiedliche Schichtungen
gestoßen:
Geologische Schichtungen , die uns von der Erdgeschichte erzählen, wie Gesteinsformationen
oder Gebirgsfaltungen, die sichtbar werden durch Bohrungen, Tagebau und Steinbrüche;
Paläontologische Schichtungen, die die Entwicklungsgeschichte von Flora
und Fauna aufbewahren, beispielsweise Fossilien von Pflanzen, Tieren oder Urmenschen;
und Zivilisatorische Schichtungen, die Aufschlüsse geben über die
Geschichte der menschlichen Gesellschaft, wie eben Troia, aber auch Müllkippen
des 20. Jahrhunderts, wo amerikanische Soziologen Bohrungen und Grabungen vorgenommen
haben und so Ess- und Kulturgeschichte der 50er Jahre anhand konservierter Hotdogs
konstruieren.
Eine weitere Kategorie von Schichtung bezeichne ich als museale Schichtung,
die durch bewußtes Handeln Objekte zu konservieren versucht. Ein Beispiel
dafür ist die chinesische Terrakotta-Armee, die in Gräben gestellt
und mit Holzdecken zugedeckt wurde, um sie so vor Zerstörung zu schützen.
So entstehen Schichten durch von uns unbeeinflußbare Ereignisse wie Naturkatastrophen,
Landschaftsveränderungen – man denke nur an Gletscher (Eiszeit),
Wanderdünen oder Vulkanausbrüche. Ein sehr beeindruckendes und emotional
berührendes Ergebnis ist das verschüttete Pompeji. Ein Ascheregen,
der eine Stadt überrascht – Menschen werden zugedeckt, verharren
in Positionen, die sie in diesem Moment einnahmen – die Asche verfestigt
sich, organisches Material zerfällt und es bilden sich Hohlräume.
Nach deren Entdeckung hat man sie mit Gips ausgegossen, und die Menschen wurden
so wieder sichtbar: Eine bemerkenswerte Metamorphose menschlicher Spuren. Rachel
Whiteread hat in einer künstlerischen Arbeit dieses Prinzip in ähnlicher
Weise aufgenommen: Sie hat ein Haus in Wien vor seinem umstrittenen Abriß
ausgegossen, so daß nach dem Abriß ein Negativabdruck des umbauten
Raumes übrigblieb.
Schichten entstehen aber auch durch bewußtes menschliches Eingreifen,
durch Verschüttung oder Flutung, wenn wie in Troia ältere zivilisatorische
Schichten zugeschüttet werden, um darauf Neues zu errichten, oder wenn
beim Bau eines Stausees Dörfer geflutet werden, so daß nur noch die
höchsten Punkte sichtbar bleiben – wie zur Erinnerung ragt der Kirchturm
aus dem See. An dieser Stelle wird deutlich, daß ich Schichten nicht nur
als Informationsträger sehe, sondern sie auch als emotional aufgeladen
begreife. In dieser Perspektive hat der Künstler Anselm Kiefer gearbeitet,
für den die Geschichte im Erdboden gespeichert ist. ("Unternehmen
Barbarossa" = deutscher Überfall auf die Sowjetunion 1941;
"et la terre tremble encore" = und die Erde zittert noch)
Ansatzpunkt ist nun die Betrachtung der Stadt als materielles Zeugnis von Kultur
und Gesellschaft. Spätestens seit der Aufklärung halten wir es für
notwendig, zum Zwecke der Selbstvergewisserung unsere Herkunft und Vergangenheit
möglichst genau zu kennen. So versuchen wir, anhand von materiellen und
ideellen Zeugnissen Geschichte zu rekonstruieren. Gelegentlich neigen wir sogar
dazu, Duplikate von Geschichte zu schaffen, man denke nur an die aktuellen Diskussionen
über den Wiederaufbau längst zerstörter Architektur. Um Informationslücken
zu vermeiden, sind wir bestrebt, alle Äußerungen unserer Kultur vollständig
und umfassend zu erhalten. Inzwischen konserviert und archiviert bereits jeder
Einzelne seine Gegenwart.
Konkret vor Ort: Leipzig Ost / Volkmarsdorf – unser Ausschnitt:
Leerstand in den Gründerzeithäusern
Noch bewohnte Häuser im Plattenbaubereich
Meine Annahme ist, daß einerseits die Gründerzeitbauten auf unbestimmte
Zeit unbewohnt bleiben und andererseits die Plattenbauten innerhalb weniger
Jahrzehnte auch leerstehen werden, denn der Stadtteil ist nicht attraktiv für
Neuzuzüge und der Bevölkerungsabnahme, die hier schon sichtbar wird,
kann man sich ohnehin nicht entziehen. Also ein Stadtteil, der nicht mehr gebraucht
wird. So ergibt sich die Frage: Warum erhalten wir die Häuser dieses Stadtteils?
Meine Antwort: Es ist eine implantierte Wertvorstellung von allem Alten.
Wenn weder der ursprüngliche noch ein neuer Sinn mehr vorhanden sind, verkommt
die Erhaltung von Vergangenem und Gegenwärtigem zum reinen Selbstzweck.
Diese Erhaltung zum Selbstzweck empfinde ich als Last.
So stelle ich die Forderung nach Respektlosigkeit: Wir müssen die Musealisierung
unserer Vergangenheit verwerfen, die Last loswerden, ohne sie zu vernichten.
Ich fordere eine andere Art von Konservierung und Archivierung unserer Geschichte.
Dies möchte ich an einem aktuellen Beispiel verdeutlichen:
Türkei / Südostanatolien: In einem Gebiet, wo sich unzählige
archäologische und kulturelle Zeugnisse befinden, will die türkische
Regierung einen Stausee bauen. Große Entrüstung ging quer durch unseren
Kulturkreis, Archäologen und Forscher versuchten zu retten, was noch zu
retten war, bevor gebaut und geflutet werden sollte.
Meine These ist, daß durch die Flutung des Gebietes eine Plünderung
und Zerstörung der Kulturgüter verhindert wird und somit eine längerfristige
Konservierung möglich ist, denn, das zeigen Ergebnisse der Unterwasserarchäologie,
konserviert Wasser hervorragend, vor allem auch organisches Material.
Was bedeutet das für unser Projekt?
Unter der Prämisse, daß Leipzig diesen Stadtteil nicht mehr benötigt,
lege ich als Ziel fest:
Die Schaffung einer vollständig bewohnbaren Landschaft mit Verkehrsachsen
und Infrastruktur.
Der Weg:
Zunächst wird die Zeugnislast abgebaut, indem man hier eine bewährte
Form der Konservierung einsetzt. Meine Idee ist die Aufschüttung / Verschüttung
und teilweise Flutung des Gebietes. Dies geschieht allmählich: Vorerst
bleiben 2 bis 3 Etagen erhalten – es werden also etwa 5 Meter mit Erde
oder Schutt verfüllt. Bei weiterem Leerstand werden Restetagen entweder
abgetragen oder ebenfalls aufgefüllt. Orte mit besonderen zivilisatorischen
Funktionen bleiben erhalten. Früher wären dies Orte des Glaubens und
der Macht gewesen, heute sind es Einkaufszentren und Verkehrswege – Merkmale
der modernen Ersatzreligionen "Konsum" und "Urbanität
/ Flexiblität". So bleibt die vorhandene Infrastruktur mit ihren
Hauptverkehrsachsen erhalten und wird weiter genutzt.
Sollte sich die Situation verändern, also wieder Bedarf an Wohnraum oder
nach anderen Wohnformen entstehen, kann jederzeit ein Rückgriff auf vorhandene
– konservierte! – Rest-räume stattfinden.
Mein Angebot: Erd- und Hügelwohnungen.
Wohnformen, die sich einerseits an neue Bedürfnisse anpassen, so z.B. ökologische
und energiesparende Aspekte berücksichtigen, andererseits eine sentimental-emotionale
Rückzugsmöglichkeit bedeuten; nicht solitär aufstrebend, sondern
Sich-einlassend in jeder Hinsicht: In den Boden, in die Geschichte, in die Form
der Höhle als elementare menschliche Erfahrung.
Es kommt allmählich zur Landschaftsveränderung: Das Flachland bekommt
Berge.
Sollte es zu keiner Nutzung mehr kommen, wird auch das Verschüttete immer
wieder durchscheinen: Der Stadtteil hat der Landschaft sein Signum aufgedrückt
– Volkmarsdorf von oben als lesbare Spur.